Bericht über den Vortrag am 31.3.12 - Kappzaum
Samstag, 14. April 2012

Bericht über den Vortrag von Bettina Schürer -  Der Kappzaum- historisch und in der Gegenwart am 31.3.2012 auf dem Gestüt Fal el Khair, Reckerode
von Wiebke Kuhlenkamp

In einem mit interessierten Menschen und einigen Hunden und Katzen gut gefüllten Kursraum begann Bettina Schürer am Nachmittag ihren Vortrag über den Kappzaum.


Sie erklärte zunächst, wie ihr persönlicher Bezug zum Kappzaum, zum Side-Pull und dem kolumbianischen und peruanischen Bosal um 1974 entstand und bis heute ihre Pferdeausbildung unterstützt, die sich durch das konsequente „von hinten nach vorne Arbeiten“ des Pferdes auszeichnet.  Mehr und auch weniger bekannte Anschauungsobjekte dieser Zäumungen aus verschiedenen Materialien wurden herumgereicht.

 

cavezzone maremma

So konnten wir z.B. eine Originalzäumung aus der Maremma anschauen wie sie in ähnlicher Bauweise schon im späten Mittelalter und im Barock bei Pluvinel verwendet wurde.

cavezzone maremma

Unter der Leitfrage: „Der Kappzaum - eine prähistorische Zäumung?“ veranschaulichte Bettina mit Hilfe eines etwas störrischen Beamers die Anfänge des Zusammenlebens von Mensch und Pferd in der Urzeit. Höhlenmalereien aus Nordwestafrika zeigten, wie Menschen mit Tieren zusammen unterwegs waren und der Mensch sich später das Pferd als Last- und Reittier zu Nutzen machte.

Wer das Reiten erfunden hat kann man nicht sagen, allerdings wurde der Kappzaum zuerst 1550 in Italien von Griso erwähnt. Verschiedene andere Reitmeister und ihre Ausbildungsmethoden wurden von Bettina beschrieben, so wie der Herzog von Newcastle, der 1658 seine „Neue Art Pferde anzureiten“ publizierte. Er band die Pferde am Kappzaum aus und arbeitete die Pferde in starker Abstellung und Anlehnung in einer rollkurartigen tiefen Kopfeinstellung.

Guérinière beendete um 1730 das Ausbinden am Kappzaum, er betonte die Wichtigkeit des Vorwärts und beschrieb als erster in etwa die diagonalen Hilfen wie wir sie heute kennen.

Manoel Carlos de Andrade (1755- 1817) Leiter der portugiesischen Hofreitschule unter Marquis de Marialva kam auf das Ausbinden am Kappzaum zurück, nutzte es aber hauptsächlich um den Schultern Führung zu geben und beschrieb den Einsatz viel differenzierter als Newcastle.
Andrade entwickelte das Schulterherein von Guérinière weiter und legte Wert auf ein gleichmäßiges Vorwärts sowie dass sich das innere Hinterbein unter den Körperschwerpunkt bewegt.

Im Klassizismus folgten große deutsche Militärs wie Seydlitz, Hünersdorf, Seeger und Oeynhausen, die allerdings den sachgerechten Umgang mit dem Kappzaum als zu schwierig für die Soldaten empfanden.
Bettina betonte auch, dass der Kappzaum als „konsequenteste aller Zäumungen“ richtig angewendet ein sehr hilfreiches Instrument ist, falsch eingesetzt aber auch sehr brutal wirken kann.

In der Gegenwart wird der Kappzaum und seine Verwandten, das Cavecon und das Bosal, in Europa und Amerika in der Arbeitsreiterei eingesetzt. Gemeinsamkeiten sind die für Arbeitsreiterei typische einhändige Zügelführung (Neckreining) ohne konstante Anlehnung bzw. das Prinzip von Öffnungs- und Anlehnungszügel bei der 3:1 Zügelführung in der Kombination von Kandare und Kappzaum, Cavecon oder Bosal. Eine weitere Gemeinsamkeit der Arbeitsreitweisen ist das Zulassen einer höheren Kopfhaltung, die mittlerweile auch in einer Strömung der klassischen Dressurreiterei gewünscht wird, um mehr Gewicht auf die Hinterhand zu verlagern.

Als nächstes sahen wir einige Ausschnitte aus einem Video, in dem die Pferde am anstehenden Kappzaum in starker Innenstellung und Vorwärts-Abwärts Haltung longiert wurden. Bei genauer Betrachtung der Bilder konnten wir jedoch feststellen, dass die Hinterhand nicht mehr unter den Körperschwerpunkt fußte und die Schulter durch die starke Innenstellung blockiert war.

Dann zeigte Bettina Ausschnitte aus ihrer selbst produzierten DVD „DER KAPPZAUM“.
Hier demonstriert sie neben vorbildlicher Reiterei und Bodenarbeit mit verschiedenen Pferderassen auch bewusst die falsche Handhabung des Kappzaums, indem sie über die Zügel begrenzend auf den Kopf des Pferdes einwirkte. Ihr Pferd „Babotsch“ zeigte auch prompt Unbehagen. Er fußte nicht mehr unter den Körperschwerpunkt und seine ansonsten schwungvolle Bewegung war gestört. Dabei muss ich sagen, dass Bettina in diesem Negativ- Beispiel leider immer noch sehr viel einfühlsamer reitet als die Menschen in unseren örtlichen Reitvereinen.

Wie ich erwartet und gehofft habe, ging es inn diesem einen Nachmittag füllenden Vortrag nicht nur um einen Ausrüstungsgegenstand. Wir haben auch anschauliche Argumente dafür bekommen, die Pferde longenunabhängig zu longieren und am losen Zügel dressurmäßig auszubilden.

In den Pausen war immer wieder Zeit zum Informationsaustausch mit anderen (Berber- ) Pferdefreunden und zum Betrachten der vielen tierischen Bewohner des Reckeroder Hofes.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch noch die gute Verpflegung, die bisher alle BzRP- Veranstaltungen ausgezeichnet hat, die ich besucht habe. Susanne hat uns während der Mitgliederversammlung ein afrikanisches Mittagessen vom Feinsten gezaubert und zwischendurch konnte man sich immer wieder an leckerem Gebäck und Kuchen erfreuen, das Kursteilnehmer gebacken und mitgebracht haben. So wurde an diesem Tag also nicht nur unser Wissenhunger gut gestillt.

Vielen Dank allen Beteiligten für diesen rundum schönen Tag!

Wiebke Kuhlenkamp

 
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